Vom Physikunterricht zum erfolgreichen Start ins Physikstudium
Warum das Gefühl dazuzugehören einen entscheidenden Unterschied macht
von Markus S. Feser, Thorid Rabe & Inka Haak
Der Übergang von der Schule zur Universität stellt eine wichtige Scharnierstelle in der Bildungsbiografie von (Physik-)Studierenden dar. Damit dieser Übergang möglichst reibungslos verläuft, spielen nicht nur fachliche, sondern auch soziale Faktoren eine entscheidende Rolle. Ein wichtiger sozialer Erfolgsfaktor, der in diesem Zusammenhang in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus der Bildungsforschung gerückt ist, nennt sich Sense of Belonging. In diesem Beitrag möchten wir den Einfluss des Sense of Belonging im Physikunterricht auf den Studienverlauf von Physikstudierenden näher beleuchten.

Der Begriff Sense of Belonging beschreibt vereinfacht ausgedrückt unser subjektives Gefühl, sich als Mensch zu einer bestimmten Personengruppe zugehörig zu fühlen. Dabei gehören wir meist mehreren Gruppen gleichzeitig an; wir haben einen Freundeskreis, sind vielleicht in einem Sportverein aktiv, leben in einem Wohnviertel und bewegen uns in einer bestimmten Online-Community. Zu diesen Gruppen entwickeln wir verschiedene Zugehörigkeitsgefühle, die zwar teilweise eng miteinander verknüpft, aber dennoch voneinander abgrenzbar sind.
Für den Studienerfolg von Physikstudierenden sind besonders zwei Zugehörigkeitsgefühle wichtig: Das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer eigenen Hochschule – das University Belonging – und das Zugehörigkeitsgefühl zur Physik als wissenschaftliche Disziplin – der sog. Sense of Belonging to Physics. Letzteres manifestiert sich u. a. darin, inwieweit sich Studierende mit bzw. von Menschen, die sich akademisch mit Physik befassen, verbunden und anerkannt fühlen. Sense of Belonging to Physics ist ein Ausdruck davon, dass Studierende ihre eigene Identität in Bezug zur Fachkultur der Physik (neu) verhandeln und positionieren. Dass sie sich dabei mit deren spezifischen sozialen Normen, Praktiken und Routinen positiv ins Verhältnis setzen, ist entscheidend für ihre Selbstidentifikation als angehende Physiker*innen und wirkt sich auf ihren akademischen Erfolg im Physikstudium aus.
Bisherige Forschung hat gezeigt, dass ein starker Sense of Belonging to Physics insbesondere in der Studieneingangsphase von großer Bedeutung ist. Studierende, die in der Physik ein starkes Gefühl des Dazugehörens erleben, neigen weniger dazu, ihr Studium abzubrechen oder das Fach zu wechseln. Dieses Zugehörigkeitsgefühl gibt ihnen emotionale Stabilität und Sicherheit und stärkt damit ihre Resilienz gegenüber den Herausforderungen des Studiums. Interessanterweise beginnt die Entwicklung eines Sense of Belonging to Physics bei Studierenden nicht erst mit dem Eintritt ins Studium. Bereits in der Schule kann ein Grundstein für ein solches Zugehörigkeitsgefühl zur Physik gelegt werden, weil im Physikunterricht für viele Schüler*innen eine Art Erstkontakt mit der Fachdisziplin Physik und ihrer Fachkultur stattfindet. Durch die erste Auseinandersetzung mit physikalischen Themen und die erlebte Unterstützung durch Lehrkräfte und Mitschüler*innen kann ein starkes Gefühl des Dazugehörens entstehen. Es liegt nahe, dass sich diese Erfahrungen nicht nur positiv auf das Interesse an Physik auswirken, sondern auch beeinflussen, wie stark sich Studierende später in ihrem Physikstudium mit dem Fach verbunden fühlen; dieser Zusammenhang wurde bislang allerdings noch nicht systematisch untersucht.
Der Einfluss von Sense of Belonging im Physikunterricht auf den Studienverlauf von Physikstudierenden
In unserer Studie greifen wir diese Forschungslücke auf und untersuchen, wie der Sense of Belonging, den Studierende während ihrer Schulzeit im Physikunterricht erlebt haben, ihre Entscheidung beeinflusst, das Studium an der Universität abzubrechen. Die Analyse basiert auf einer Befragung von 263 Physikstudierenden in der Studieneingangsphase an 20 deutschen Universitäten im Jahr 2022, deren Durchführung von der Max-Traeger-Stiftung gefördert wurde. Die Studierenden wurden nach ihrem rückblickenden Sense of Belonging im Physikunterricht, ihrem aktuellen Sense of Belonging to Physics, ihrem University Belonging sowie ihrer Intention, das Studium abzubrechen oder das Fach zu wechseln, befragt. Diese erhobenen Daten wurden mittels einer Mediationsanalyse ausgewertet. Eine Mediationsanalyse ist eine statistische Methode, mit der untersucht werden kann, ob und wie der Zusammenhang zwischen zwei Variablen über eine dritte Variable (den sogenannten Mediator) vermittelt wird. Sie wird oft genutzt, um besser zu verstehen, welche Schritte oder Mittler den Zusammenhang zwischen zwei Variablen beeinflussen.
Die Ergebnisse unserer Datenanalyse zeigen deutlich, dass ein starker Sense of Belonging im Physikunterricht das Risiko eines Studienabbruchs oder -wechsels signifikant verringert. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass sich in unseren Daten keine direkte Wirkung dieses früheren Zugehörigkeitsgefühls zeigt. Stattdessen zeigt unsere Mediationsanalyse, dass der Sense of Belonging im Physikunterricht indirekt über die aktuellen Sense of Belonging-Ausprägungen im Studium (hier der Mediator) auf die Studienabbruch- und -Wechsel-Intention der Studierenden wirkt. Unsere Analyse zeigt zudem, dass der Sense of Belonging to Physics etwa viermal so stark zur Senkung der Abbruch- oder Wechselabsicht beiträgt wie das allgemeine University Belonging der Studierenden. Damit unterstreicht dieses Ergebnis, wie wichtig es ist, bereits in der Schule den Sense of Belonging to Physics zu fördern. Physikstudierende, die bereits im Physikunterricht ein ausgeprägtes Zugehörigkeitsgefühl entwickeln konnten, empfinden auch in ihrem Studium einen stärkeren Sense of Belonging to Physics sowie im geringeren Umfang auch zu ihrer Hochschule. Eine erfolgreiche Identitätsaushandlung und ‑positionierung von Physikstudierenden in der Studieneingangsphase, die sich nachhaltig auf deren akademische Entwicklung auswirkt, wird also durch positive Zugehörigkeitserfahrungen in der Schule unterstützt. Anders ausgedrückt: Schüler*innen, die sich im Physikunterricht zugehörig fühlen, nehmen diese positiven sozialen Erfahrungen mit ins Studium und profitieren davon, möglicherweise sogar während ihrer gesamten Hochschulbildung.

Fazit
Diese Ergebnisse haben wichtige Implikationen für die Bildungsforschung und -praxis. Sie unterstreichen, dass es nicht ausreicht, sich im Physikunterricht lediglich auf die Vermittlung inhalts- und arbeitsweisenbezogener Fähigkeiten und Fertigkeiten zu konzentrieren. Ebenso wichtig ist es, Identitätsaushandlungsprozesse in Bezug auf die Fachkultur der Physik zu ermöglichen und die soziale Eingebundenheit der Schüler*innen zu fördern. Für Universitäten bedeutet dies, dass sie ihre Bemühungen verstärken sollten, den Sense of Belonging to Physics insbesondere bei Studienanfänger*innen zu fördern. Ein stärkerer Fokus auf die soziale Eingebundenheit der Studierenden im Fach Physik könnte dazu beitragen, deren akademische Erfolgschancen zu erhöhen und die Abbruchquoten im Physikstudium zu senken. Die Implementation von Mentor*innenprogrammen oder die Stärkung von Fachschaftsangeboten für Studienanfänger*innen sind dabei erfolgversprechende Ansätze.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Sense of Belonging im Physikunterricht der Schule eine entscheidende Rolle für den Studienverlauf an der Universität spielt. Ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Physik, das bereits in der Schule gefördert wird, könnte ein Schlüssel zur Verbesserung der Studienzufriedenheit und des Studienerfolgs im Fach Physik sein.
Über die Autor*innen:

Dr. Markus Sebastian Feser ist Postdoktorand am IPN in den Abteilungen Didaktik der Physik und Fachbezogener Erkenntnistransfer. Er forscht u. a. zu den Themen (Lehrer*innen-)Identität und Sense of Belonging in naturwissenschaftlichen Lehr-Lernprozessen. feser@leibniz-ipn.de

Prof. Dr. Thorid Rabe ist Professorin für Didaktik der Physik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Sie forscht u. a. im Bereich von Identitätsaushandlungen zu Physik, Lehrerprofessionalisierung und Klimabildung. thorid.rabe@physik.uni-halle.de

Dr. Inka Haak ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Physikdidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt in der Studieneingangsphase Physik mit besonderem Interesse für Lerngruppen und Identitätsaushandlungen von Lehramts- und Fachstudierenden. inka.haak@physik.uni-halle.de
Weiterführende Literatur:
Feser, M. S., Haak, I., & Rabe, T. (2023). Sense of belonging among firstyear physics students in Germany: Exploring intergroup differences and correlations. Eurasia Journal of Mathematics, Science and Technology Education, 19(11), em2345. https://doi.org/10.29333/ejmste/13656
Feser, M. S., Rabe, T., & Haak, I. (2024). Echoes of social experience: Tracing the link between a sense of belonging in school physics classes and physics students’ persistence in higher education. European Journal of Physics, 45(4), 045704. https://doi.org/10.1088/1361-6404/ad4c2a
Feser, M. S., Haak, I., & Rabe, T. (2023). VeSPBe – Vergleich von Studieneingangsphasen in Physik hinsichtlich des Sense of Belonging von Studierenden. Dokumentation der Erhebungsinstrumente und deren deskriptive, quantitative Ergebnisse. http://dx.doi.org/10.25656/01:26178